TT goes USA – Der Weltmeister und das Müsli
Dieser Text ist einem ganz besonderen Spieler gewidmet: dem ältesten Mitglied des St. Louis Table Tennis Club – und einer Legende im US-amerikanischen Tischtennis.
Der untersetzte Mann mit leicht nach vorne gebücktem Gang war mir gleich beim ersten Training aufgefallen. Ich schätzte ihn auf Mitte 70. Ein Materialspieler, kurze Noppen; er stand breitbeinig am Tisch, die Knie bandagiert. Man konnte erkennen, dass er keinen Schritt zu viel machen wollte; abrupte Bewegungen vermied er, wohl um seine abgenutzten Gelenke zu schonen. Es war klar: Das war ein alter Abwehrstratege; er spielte die Bälle gern aus der Halbdistanz, manchmal direkt an der Platte, mit großer Schlagsicherheit auf die gegnerische Hälfte des Tisches. In meiner Vergangenheit hatte ich des Öfteren Bekanntschaft mit diesem Spielertyp gemacht und ahnte, dass sich schon viele unerfahrene Angriffsspieler an George, wie der Mann hieß, die Zähne ausgebissen haben dürften.
Tim Boggan vs. George Hendry – 1983 Nissen Open
Als Chance sagte: „George is famous. A couple of years ago, he won the world championship“, da hielt ich das zunächst für einen Witz. Aber ich wurde rasch eines Besseren belehrt.
Es war tatsächlich so: Dort drüben, am hintersten Tisch, nur wenige Meter von mir entfernt, spielte kein Geringerer als George Hendry, Mitglied der United States Table Tennis Hall of Fame. Hendry war bereits als Jugendlicher außergewöhnlich talentiert gewesen und wurde 1935 US-Jugendmeister in der Altersklasse U15; 1938 gewann der 17jährige George als Mitglied des US-Nationalteams bei den Weltmeisterschaften in London die Bronzemedaille und verlor dabei nur knapp gegen den österreichischen Weltmeister Richard Bergmann. Viele Jahre später – nach einer langen Tischtennis-Pause, die von 1952 bis 1981 dauerte, entdeckte er den Sport für sich neu und gewann insgesamt 35 nationale Seniorenmeister-Titel in unterschiedlichen Altersklassen. Dann, im Jahr 1990, sein wohl größter Erfolg: Hendry gewann bei den World Masters Championships in Baltimore, USA die Weltmeisterschaft der über 70jährigen.
George Hendry im Alter von 20 Jahren.
George Hendry im Alter von ca. 60 Jahren, am Beginn des zweiten Teils seiner Sportlerkarriere.
In den späten 30er- und frühen 40er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts war George Hendry ein echter Star in den USA. Tischtennis-Schaukämpfe erfreuten sich damals großer Beliebtheit; sie waren eine willkommene Ablenkung von den schrecklichen Ereignissen in Europa. George monetarisierte seine außergewöhnlichen Fähigkeiten, indem er an der Seite berühmter Jazz-Musiker wie Benny Goodman und Tommy Dorsey auf Tour ging. Er trat an legendären Orten auf, z.B. im Roxy Theatre, und in der Radio City Music Hall in Manhattan. Seine Bekanntheit verhalf ihm außerdem zu einem Werbevertrag mit der Müsli-Firma Wheaties im Jahr 1936, der dem damals 16jährigen ein monatliches Honorar von 25 $ sowie kostenlose Cornflakes-Verpflegung bescherte.
Rückseite einer Wheaties-Müslipackung mit einem Foto des 16jährigen George, inklusive zeichnerischer Darstellungen der korrekten Schläger- und Körperhaltung, sowie der Erzeugung verschiedener Schnittvarianten.
Ob Baseballspieler, Boxer, Eishockeyspieler oder Golfprofi – die Marke Wheaties hat die Tradition der Abbildung von Spitzensportlern auf ihren Packungen bis zum heutigen Tag beibehalten. Die historischen Illustrationen sind begehrte Sammlerobjekte.
Im Jahr 2025 erschien eine limitierte Sonderausgabe des Weizenmüslis, das als Reminiszenz an George Hendry gedeutet werden kann: Abgebildet ist der Schauspieler Timothée Chalamet, der im Kinofilm Marty Supreme den schillernden New Yorker Tischtennisspieler Marty Reisman verkörpert.
Während meines Auslandsjahres 1995/1996 in St. Louis trainierte ich mehrere Male mit George. Wir spielten aber nicht um Punkte, sondern just for fun. Ob ich im Ernstfall gegen ihn gewonnen hätte? Ich weiß es nicht. Sicher ist: Es wurde einem nichts geschenkt, wenn man gegen George spielte. Man musste sich jeden Punkt hart erarbeiten, weil er nur wenige leichte Fehler machte und viele Bälle flach und mit oft unberechenbarem Effet zurückbrachte. Aber an einem guten Tag hätte ich mir einen Sieg zugetraut – denn das Alter forderte seinen Tribut, und die Beweglichkeit des 75jährigen Veteranen hatte schon merklich nachgelassen.
George Hendry spielte noch bis ins hohe Alter Tischtennis. Seine letzte nationale Meisterschaft gewann er im Jahr 2009 mit 89 Jahren in der Altersklasse der über 80jährigen. George starb 2011 in seiner Heimatstadt St. Louis, wenige Tage vor seinem 91. Geburtstag.