5 Jahre Corona – eine Abrechnung

5 Jahre Corona – eine Abrechnung

11. März 2020
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft den Ausbruch der Covid-19 Krankheit als Pandemie ein. Wenige Tage darauf beschließt die Bundesregierung den ersten Lockdown. Die Schulen werden geschlossen, die Kliniken werden angewiesen, sich planerisch komplett auf die Behandlung von Corona-Patienten umzustellen. Am 16. März 2020 ruft die Bayerische Staatsregierung den Katastrophenfall aus.


Gekommen, um zu bleiben

Mit kaum einem anderen Thema habe ich mich so lange und so intensiv beschäftigt wie mit der SARS-CoV2 Pandemie, die vor exakt fünf Jahren über unseren Planeten hereingebrochen ist. Ich habe unzählige Studien gelesen, fast jede Folge der Podcasts des NDR (Das Coronavirus-Update) und des MDR (Kekulés Corona-Kompass) gehört, und habe in den digitalen Medien mit den unterschiedlichsten Personen (und manchmal wohl auch mit Bots) diskutiert.

Eigentlich ist Corona für mich Vergangenheit. Da aber die Schockwellen dieses gesundheitlichen Erdbebens auf die eine oder die andere Weise bis in unsere Gegenwart hereinreichen, möchte ich das Jubiläum zum Anlass nehmen, um noch einmal zurückzublicken und mein persönliches Fazit zu ziehen.

Zunächst muss man nüchtern feststellen: Das Virus ist in der Welt; es ist gekommen, um zu bleiben, und wird jedes Jahr aufs Neue Millionen von Menschen infizieren. Es wird Krankheit und Tod verursachen; und so lange es keine effektiven Behandlungsmethoden für die Krankheitsbilder gibt, die mangels passenderer Bezeichnung unter dem Begriff Long Covid zusammengefasst werden, wird es immer wieder tragische Fälle geben, wo gesunde Menschen aus der Mitte ihres Lebens gerissen werden und mit der Diagnose ME/CFS über Monate oder gar Jahre ans Bett gefesselt bleiben.
Die Pandemie ist zur Endemie geworden. So wie unser Immunsystem immer wieder mit den diversen Influenza-Stämmen konfrontiert wird, so wird es sich auch darauf einstellen müssen, regelmäßigen Besuch von SARS-CoV2 Virusvarianten zu erhalten.

Auf der Habenseite steht: wir haben das Biest gezähmt. In einer einzigartigen Kooperation zwischen Wissenschaft, pharmazeutischer Industrie, Politik, Medien und Zivilgesellschaft haben wir es in Rekordzeit geschafft, wirksame Impfstoffe zu entwickeln und milliardenfach auszureichen; wir erlebten eine beeindruckende Leistungsschau der Bio-Pharmazeutischen Forschung. Wer hätte es im März 2020 für möglich gehalten, dass bereits im November, also nur acht Monate später, gleich mehrere Impfstoffkandidaten zur Verfügung stehen würden, mit einer nachgewiesenen Wirksamkeit von über 90% (1, 2)?

Dies war zweifellos nur möglich, weil in den Jahren vor der Pandemie weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit die technologischen und logistischen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Impfstoffentwicklung geschaffen worden waren:

  • Alle notwendigen Ingredienzien für die Impfstoffproduktion waren im Prinzip ausentwickelt und konnten ready-to-go dem Baukasten der modernen Biowissenschaften entnommen werden. Hierzu gehören Techniken zur RNA-Stabilisierung mit Hilfe modifizierter Basen, oder Methoden der Verfahrenstechnik zur effizienten Verpackung von RNA in Lipid-Nanopartikeln.
  • Fortschritte in der Bioinformatik und der KI-gestützten Strukturbiologie ermöglichten ein rasches und zielgenaues Design von in silico sequenz-optimierten Impfstoff-Rohlingen.
  • Unterstützung kam aus der Grundlagenforschung: seit der relativ glimpflich verlaufenden MERS-Epidemie im Jahr 2012 hatte die Wissenschaft ein großes Detailwissen über die Struktur/Funktions-Beziehungen beim SPIKE-Hüllprotein von Coronaviren angehäuft. Im deutschsprachigen Raum hatte sich in diesem Zusammenhang Prof. Christian Drosten, der Leiter des Virologischen Instituts der Berliner Charité, besondere Verdienste erworben.

Bei all dem handelt es sich um klassisches Expertenwissen, das über Jahre hinweg von Generationen von Doktoranden in den Labors dieser Welt generiert, zusammengetragen, publiziert oder patentiert worden war. Die Wissenschafts-Maschinerie lief wie geschmiert und legte – quasi als Beweis ihrer Effektivität – einer konsternierten Öffentlichkeit glänzend polierte Prototypen vor die Füße: wirksame und sichere mRNA-basierte SARS-CoV2 Impfstoffe.
Ich gebe gerne zu, dass die Pressemitteilungen der beiden Firmen Moderna und Biontech im November 2020, in denen sie über die sensationellen Zwischenergebnisse Ihrer Phase-3-Studien informierten, selbst auf mich als einschlägig vorgebildeten Naturwissenschaftler ein wenig wie die Verkündigung göttlicher Wunderheilungen in einer päpstlichen Enzyklika gewirkt haben.

Sicherlich trug bereits diese Tatsache – die kommunikative Unzugänglichkeit des Terrains unseres globalisierten Wissenschaftsbetriebs für den Normalbürger – den Keim für all die Gerüchte, Verschwörungsmythen und Falschmeldungen in sich, die seither den Diskurs vergiften. Die Angelegenheit intellektuell komplett zu durchdringen war unmöglich. Deshalb musste man sie glauben – oder eben nicht.


Meine persönliche Corona-Aufarbeitung

Corona ist eine Episode in meiner Biografie, die mich politisch geprägt und oft ratlos zurückgelassen hat. Mehr als einmal wurde mir vor Augen geführt, wie schwierig es ist, mit Personen eine sachliche Diskussion zu führen, die für die These empfänglich sind, dass es eine gute Idee sein könnte, einem Tweet von Klaus-Dieter aus Bottrop mehr Vertrauen zu schenken als dem fachlichen Urteil von 99% der globalen Wissenschaftsgemeinde.

Und trotzdem ist es richtig, es immer wieder zu versuchen.

Es wäre vermessen, sich an dieser Stelle vorzunehmen, all die Irrungen und Wirrungen der vergangenen Jahre zu rekapitulieren. Stattdessen werde ich mich auf wenige Thesen fokussieren, die von Impfskeptikern, selbsternannten Querdenkern* und ihren medialen Stichwortgebern immer wieder vorgebracht wurden und werden (Seiten 2 – 5). Auf Seite 6 thematisiere ich kurz das Dilemma der politischen Akteure bei der Verordnung von Kontaktbeschränkungen. Zum Schluss (Seite 7) nenne ich einige Punkte, bei denen die Kritiker meines Erachtens Recht hatten, und die bei einer nächsten Pandemie unbedingt besser gemacht werden sollten.


* ich bevorzuge den Begriff Schrägdenker, denn ich weigere mich, die eigentlich positiv besetzte Zuschreibung des Quer-Denkers als jemand, der den Mut aufbringt, eingetretene Pfade zu verlassen, der Esoterik zu überlassen.

Corona ist keine Grippe

These: Man hätte Corona einfach laufen lassen sollen, denn Corona ist nicht schlimmer als eine Grippe.

Diese Behauptung ist falsch.
Es gibt eine große Zahl von Studien dazu. Die folgende Abbildung fasst die Ergebnisse aus mehreren dieser Studien in einer einzigen Grafik zusammen.

Auf der X-Achse ist das Alter der Patienten (Age) aufgetragen, auf der Y-Achse die sog. Infection-Fatality-Rate (IFR%). Eine IFR von 1% besagt, dass jede 100. Infektion zum Tode führt. In der Abbildung sind 20 Datenlinien zu sehen, jede davon steht für eine publizierte wissenschaftliche Arbeit, in der die altersabhängigen IFRs der Influenza (Grippe; blau) oder von Covid-19 (rot) berechnet wurden. Hinter jeder Linie stehen hunderte bis viele tausende von Patienten.

Wichtig ist: Die Daten für Covid-19 stammen aus der Anfangsphase der Pandemie (2020/2021), also aus der Zeit vor der Impfkampagne. Aus der Grafik ist also ablesbar, wie schlimm eine immun-naive Bevölkerung von der Krankheit getroffen wird.

Die Daten ergeben ein eindeutiges Bild: je nach Alter des Patienten liegt die IFR für Covid-19 um den Faktor 5 (30jähriger Patient) bis 25 (70jähriger Patient) höher als bei einer Influenza-Grippe. Ein ungeimpfter 80jähriger, der sich mit SARS-CoV2 infizierte, überlebte dies mit einer Wahrscheinlichkeit von 3 – 10% nicht. Von 100 infizierten 80jährigen Patienten starben also zwischen drei und zehn Personen. Bei der Influenza liegt die entsprechende IFR bei ca. 0,25%: von 400 grippekranken 80jährigen überleben 399.

Für eine Gesellschaft mit unserem Altersprofil wäre es vollkommen unverantwortlich gewesen, Corona einfach durchlaufen zu lassen, d. h. auf das Konzept einer Herdenimmunität zu setzen, so wie das einige meinungsstarke Protagonisten anfangs forderten. Der flatten-the-curve Ansatz war de facto alternativlos.


Die Wissenschaft hat geliefert

These: Die Corona-Impfung ist wirkungslos und gefährlich.

Auch diese Behauptung ist falsch.
Tatsächlich hat die Impfung gegen Corona weltweit mehrere Millionen Leben gerettet. Es gibt viele Belege dafür. Ich beschränke mich hier auf eine einzige Abbildung, die ich auf der Basis von Zahlen aus öffentlich zugänglichen Datenbanken, insbesondere dem Johns Hopkins Coronavirus Resource Center, erstellt habe.

Gezeigt sind die täglichen Neuinfektionen (obere Hälfte) bzw. die täglichen Todesfälle (unten) in Deutschland (orange Kurven) und Rumänien (blaue Kurven) während der ersten beiden Pandemiejahre (Februar 2020 bis Februar 2022).

Die Erste Welle mit einer statistisch aussagekräftigen Zahl von Toten erreichte die beiden Länder im Herbst/Winter 2020. Die Impfkampagnen hatten zu diesem Zeitpunkt noch nicht begonnen, die Menschen waren also immun-naiv. Man erkennt, dass die täglichen Neuinfektionen in beiden Ländern während der ersten Welle ungefähr gleich hoch waren. Dies führte einige Wochen später zu beinahe identisch hohen Todesraten.

Nun zur zweiten Welle, der Delta-Welle, im Herbst 2021: auch hier hielten sich die Neuinfektionsraten in den beiden Ländern ungefähr die Waage. Die Infektionswelle in Deutschland begann ca. sechs Wochen später. Hinsichtlich der mit diesen Infektionen assoziierten Todesfälle sieht man jedoch einen dramatischen Unterschied: In Rumänien lag die Sterberate mehr als 5fach höher als in Deutschland.

Die Erklärung: In Deutschland waren im Herbst 2021 bereits ca. 70% der Bürger geimpft. Die Impfquote bei der älteren Bevölkerung lag sogar noch deutlich darüber.

In Rumänien dagegen traf die Impfkampagne auf eine impfskeptische Bevölkerung; das Vertrauen in staatliche Maßnahmen ist in den osteuropäischen Ländern traditionell gering ausgeprägt. Insbesondere die ältere Landbevölkerung verweigerte sich mehrheitlich der Impfung; die niedrige Impfquote von nur 25% führte zu der beobachteten hohen Todesrate.

Man könnte viele weitere Beispiele zeigen – mit ähnlichem Ergebnis. Auch innerhalb Deutschlands hatten die Regionen mit den niedrigsten Impfquoten (vor allem Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen) die höchsten Hospitalisierungs- und Todesraten zu beklagen.
Insgesamt lässt sich aus den Daten abschätzen, dass die hohe Impfbereitschaft der Älteren in Deutschland zehntausende Todesfälle verhindert hat.

Zu den grundsätzlichen Zweifeln an der Wirksamkeit der Impfstoffe wird typischerweise eine Begleitmusik gespielt, nach der die Vakzine gefährliche Nebenwirkungen hätten; diese würden in Bezug auf ihre Häufigkeit und Schwere bei Weitem unterschätzt, bzw. von offizieller Seite absichtsvoll verschleiert.

Entsprechende Gerüchte werden seit etwa Mitte 2021 immer wieder gestreut; besonders im Fokus stehen dabei wenig überraschend die mRNA-basierten Produkte von Biontech und Pfizer, wohl aufgrund ihres modernen technologischen Ansatzes und wegen ihrer semantischen Assoziierbarkeit mit der ach so bösen Genforschung. Die Verteufelung der RNA-Impfstoffe nahm teils groteske Züge an, z. B. wenn illustre Persönlichkeiten wie ein ominöser Dr. Coldwell (»Letzte Warnung: Im September sind alle Geimpften tot«), der ehemalige Mikrobiologie-Professor Sucharit Bakhdi (»Die Impfung tötet unsere Kinder«) oder der Wendler mit bebender Stimme vor nicht weniger als staatlich sanktioniertem Massenmord warnten.

Der Beweis dieser kruden Thesen steht noch immer aus, und das angekündigte Massensterben musste zum Glück bereits mehrfach vertagt werden – die Zeugen Jehovas lassen schön grüßen.

Seriösere Teile der Kritiker hegen ein generelles Misstrauen gegen Verlautbarungen der Gesundheitsbehörden und halten den offiziellen Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts wahlweise für grob verharmlosend, oder sie verwechseln schlicht und einfach bloße Verdachtsfälle mit nachgewiesenen Fällen schwerer Impfnebenwirkungen.

Keine Frage: Corona-Impfstoffe haben Nebenwirkungen. Es gilt der pharmakologische Merksatz: Nur was keine Wirkung hat, hat auch keine Nebenwirkung. Doch entscheidend ist: die Nebenwirkungsprofile der Corona-Vakzine entsprechen denen anderer Impfstoffe. Alle zugelassenen Produkte weisen für die meisten Altersgruppen ein sehr gutes Risiko-Nutzen-Profil auf; die Ständige Impfkommission (STIKO) des Robert-Koch-Instituts veröffentlicht regelmäßig konsolidierte Versionen ihrer Empfehlungen zur Verabreichung der Corona-Impfstoffe auf ihrer Homepage.

Es sei jedem und jeder ans Herz gelegt, sich nach diesen Empfehlungen zu richten.


Freiheit um jeden Preis?

Eine bis heute immer wieder geäußerte Kritik besagt, dass ein unzulässiger und sachlich unbegründeter Druck auf diejenige Menschen ausgeübt worden sei, die sich – aus welchen Gründen auch immer – weigerten, sich impfen zu lassen. Da jede Impfung ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit sei, verstoße es gegen die verfassungsrechtlich geschützten Freiheitsrechte, ja: gegen die Menschenwürde -, wenn der Staat seine Bürger dazu zwinge. Dabei sei es unerheblich, ob dieser Zwang direkt (also durch eine gesetzlich verankerte Impfpflicht) oder indirekt (durch die Androhung von Nachteilen bei Weigerung, oder auch nur durch Nudging) erfolge.

Die Anwälte der Freiheit des Individuums, darunter honorige Persönlichkeiten wie der wortgewaltige Journalist und ehemalige Richter Heribert Prantl, vertreten ihre Thesen mit solcher Vehemenz, dass man schon ins Grübeln kommen kann.

Mir geht dieser Freiheitsbegriff dennoch zu weit. Freiheit über alles? Auch wenn die Inanspruchnahme meiner Freiheitsrechte Leben und Gesundheit anderer gefährdet?

Worin könnte die moralische Rechtfertigung für ein derart robustes Freiheitsverständnis liegen? Anders gefragt: Fällt das ethische Urteil gegen einen Impfverweigerer etwa deshalb milde aus, weil kaum zu befürchten ist, dass die konkreten Folgen seiner Weigerung jemals zurechenbar zu Tage treten werden; weil man sich vielmehr darauf verlassen kann, dass die Antwort auf die Frage, welche Infektionskette denn genau durch wessen Verhalten prolongiert oder unterbrochen wurde, im Nebel der Anonymität und der Spekulation bleiben wird?

Oder wirkt sich eventuell die Tatsache strafmindernd aus, dass es hierbei nicht um die Folgen einer aktiven Handlung geht, sondern um Konsequenzen des Nicht-Handelns? So wie rechtlich und moralphilosophisch bis zum heutigen Tag zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe unterschieden wird, obwohl bei Lichte betrachtet diese Unterscheidung nicht mehr ist als ein semantisches Hilfskonstrukt ohne materielle Belastbarkeit.

Man muss sich wohl damit abfinden, dass bei ethisch derart aufgeladenen Fragen keine Einigkeit zu erzielen ist. Zu unterschiedlich sind die individuellen Ängste, Befindlichkeiten und Vorerfahrungen. Ich bin auch gerne bereit, abweichende Positionen zu respektieren. Das Mindeste aber, das man erwarten darf, ist eine gewisse Konsistenz in der Argumentation. Jemand, der einerseits Impfungen kategorisch ablehnt, der aber andererseits kein Problem damit hat, sich während des Türkeiurlaubs in einem Hinterhof-Tattoo-Studio einen Adler auf den Oberarm tätowieren zu lassen, sollte sich nicht wundern, wenn ihm die Ernsthaftigkeit seiner Sorgen abgesprochen wird.
Die Vermutung liegt vielmehr nahe, dass die vorgeblichen Gesundheitsbedenken Ausdruck einer Bewältigungsstrategie sind: eine Chiffre für die Ablehnung staatlicher Autoritäten, ein Ventil für persönliche Kränkungserfahrungen, als Autonomie verbrämte Reaktanz.

Eigenschutz vs. Fremdschutz – die Pandemie der Ungeimpften?

Wenn man während der Pandemie mit gut informierten Impfskeptikern diskutierte und das Argument einbrachte, dass es ja auch andere Szenarien gibt, in denen einer Person zum Wohle der Allgemeinheit etwas abverlangt wird, z.B. im Zusammenhang mit der Masern-Impfpflicht, dann bekam man oft zu hören, dass diese beiden Fälle nicht vergleichbar seien. Anders als bei den Masern sei bei Corona durch die vorhandenen Vakzine keine sterile Immunität zu erreichen; somit sei die Coronaimpfung nicht unter dem Gesichtspunkt Fremdschutz zu diskutieren, sondern es handele sich um eine Maßnahme des individuellen, und somit zwingend der Freiwilligkeit unterliegenden, Eigenschutzes.

Die vorgetragene Argumentationslinie ist nicht ganz von der Hand zu weisen, und sie klingt – so formuliert – durchaus schlüssig. Und doch wird sie der Komplexität der Thematik nicht gerecht.

Es scheint, dass sich Homo sapiens im Digitalen besonders wohl fühlt: ja oder nein; schwarz oder weiß; null oder eins.
Einer großen Zahl von Menschen fällt es offenbar schwer, sich auf den Gedanken einzulassen, dass es zwischen den beiden Extrem-Kategorien sterile Immunität und reiner Eigenschutz Raum für ein breites Kontinuum gibt, und dass die absolute Wahrheit eben nicht hier oder dort, sondern irgendwo im dazwischen liegenden Graubereich liegt.

Folgt man der Wissenschaft, dann kann kein Zweifel daran bestehen, dass – jedenfalls für die während der ersten beiden Corona-Jahre in Mitteleuropa dominierenden Virusvarianten (Alpha, Delta) ein deutlicher Fremdschutz bestand. Dieser Fremdschutz setzte sich aus zwei einander verstärkenden Komponenten zusammen:

Erstens: Es ist gut dokumentiert, dass die Wahrscheinlichkeit einer Infektion in den ersten zwei bis vier Monaten nach der Impfung signifikant geringer war als ohne Impfung. Dies liegt in erster Linie an der früh einsetzenden und mehrere Monate anhaltenden Schleimhaut-Immunität, vermittelt durch Antikörper der Klasse IgA.
Zweitens: Die Viruslast im Rachen war bei Menschen, die einen Impfdurchbruch erlitten (also Personen, die trotz vorangegangener Impfung an Corona erkrankten), im Mittel um ein bis zwei Größenordnungen geringer als bei ungeimpften Erkrankten.
Beide Effekte in Kombination hatten zur Folge, dass die Ansteckungswahrscheinlichkeit beim Kontakt zwischen zwei geimpften Personen fünf- bis zehnmal geringer gewesen sein dürfte als bei einem vergleichbaren Kontakt zweier Ungeimpfter.

Bei dieser Faktenlage ist es verständlich, dass sich Ärzte, Wissenschaftler und Politiker zunehmend frustriert darüber zeigten, dass sich eine erhebliche Zahl von Personen trotz ausreichender Verfügbarkeit der Vakzine nicht zu einer Impfung durchringen konnte. Der berechtigte Unmut darüber entlud sich in einigen pointierten Einlassungen öffentlicher Personen. Diese Statements müssen im Nachhinein kritisch gesehen werden, da sie nicht geeignet waren, bei der Gruppe der Impfskeptiker ein Umdenken zu bewirken. Im Gegenteil: man fühlte sich angegriffen, provoziert und missverstanden und vergrub sich nur noch tiefer in die eigenen rhetorischen Schützengräben. Zu den Äußerungen, die in diesem Sinne kontraproduktiv waren, gehört die Aussage von Frank Ulrich Montgomery, ehemaliger Präsident der Bundesärztekammer, der im November 2021 von einer Tyrannei der Ungeimpften sprach, die über die zwei Drittel der Geimpften bestimmen und uns diese ganzen Maßnahmen aufoktroyieren.
CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn sprach mehrfach davon, dass es sich um eine Pandemie der Ungeimpften handele, ein Ausdruck, der auch von anderen Entscheidungsträgern, z. B. vom SPD-Bundestagsabgeordneten Karl Lauterbach, mehrfach wiederholt wurde.

Solche Äußerungen sind Belege für die aufgeregte Verzweiflung, von der weite Teile der Öffentlichkeit Ende 2021 ergriffen waren, angesichts einer stockenden Impfkampagne, und aufgescheucht durch beunruhigende Nachrichten über eine neue, südafrikanische Virus-Variante (später: Omikron) mit dramatisch erhöhter Infektiosität, die nach ersten Meldungen vor allem für Kinder gefährlich sein sollte.


Wie wir heute wissen, kam es glücklicherweise anders. Omikron war nicht die befürchtete Killer-Variante, sondern erwies sich vielmehr als segensreich für den Fortgang der Pandemie. Die hoch ansteckende Omikron-Klade führte zu einer raschen Durchseuchung der Bevölkerung, inklusive des ungeimpften Teils, aber die Hospitalisierungs- und Todesraten stiegen nicht im gleichen Maße an, weil Omikron weniger starke Symptome verursacht als die Vorgänger-Varianten. Alexander Kekulé hatte in seinem MDR-Podcast schon mehrere Monate zuvor eine hypothetische Variante mit einer derartigen Kombination von Eigenschaften ins Spiel gebracht und sie als mögliche »Messias-Variante« bezeichnet, da sie in der Lage wäre, uns aus der pandemischen Starre zu befreien und den Übergang von der Pandemie zur Endemie ohne Überlastung des Gesundheitssystems zu katalysieren.

Seit dem Siegeszug von Omikron sind Impfdurchbrüche sehr viel häufiger geworden. Das von Impfbefürwortern oft vorgebrachte Argument: Impfung schützt auch Andere, das zu Zeiten der früheren Virusvarianten zweifellos zutreffend war, verlor in der Folge immer mehr an Bedeutung. Doch jeder, der diese Erkenntnis zum Anlass nimmt, die gesamte Rationalität der Impfkampagne rückwirkend in Frage zu stellen, der schüttet das Kind mit dem Bade aus und muss sich unterstellen lassen, kein Interesse an einer faktenbasierten Diskussion zu haben.

Enttäuschend ist in diesem Zusammenhang, dass sich manche Politiker offensichtlich entschieden haben, um des lieben Friedens willen einen Kotau vor der versammelten Wutbürgerschaft zu machen und scheinbar geläutert einzuräumen, dass es von Anfang an nicht gerechtfertigt gewesen sei, Maßnahmen wie 2G einzuführen, mit denen zwischen Geimpften und Ungeimpften unterschieden wurde.

So verständlich diese Aussage für einen Politiker sein mag, der sich um den Zusammenhalt in der Gesellschaft sorgt, und der seine Wiederwahl bedroht sieht, so sauer muss sie denjenigen aufstoßen, die sich – auch und gerade in schwierigen Zeiten – um ausgewogene Debatten bemüht haben.

Schön-Wetter-Helden gibt’s schon genug im Land.


Staatliche Willkür oder Prinzip Hoffnung?

Über die Sinnhaftigkeit scheinbar unsinniger Verbote

Warum durfte man zeitweilig in einem Restaurant essen, nicht aber im Freien auf einer Parkbank sitzen und ein Buch lesen?
Womit konnte die Maskenpflicht im Freien gerechtfertigt werden?
Warum wurden Spielplätze geschlossen?

Diese und ähnliche Regelungen stießen immer wieder auf Unverständnis, weil sie als inkonsequent und widersprüchlich galten. Und es stimmt ja: wer danach sucht, der wird zweifellos eine Vielzahl solcher Ungereimtheiten finden. Die Menschen litten schwer unter den Lockdown-Maßnahmen; vor allem jene, die in kleinen Stadtwohnungen lebten, zusammengepfercht auf wenigen Quadratmetern Fläche, mit Kindern, die sich zu Tode langweilten.

Der Zorn dieser Menschen ist verständlich.

Doch wie immer hat die Medaille zwei Seiten. Wer sich die Mühe macht, sich für einen Moment in die Lage der Regierenden zu versetzen, der wird vielleicht erkennen, dass es in der damaligen Krisensituation kaum möglich war, durchgängig Einzelfallgerechtigkeit herzustellen. Dafür war die Lage schlicht und einfach zu volatil, und es fehlte Erfahrungswissen, auf das man sich hätte stützen können.

Die Infektionsdynamik gab den Takt vor. Man musste, um das Ziel einer wirksamen Abflachung der Kurve zu erreichen, Dinge über einen Kamm scheren, die eigentlich nicht zusammengehörten. Entscheidungen mit großer Tragweite mussten getroffen werden, im vollen Bewusstsein, dass man eigentlich nicht über genügend belastbare Informationen verfügte, um die Entscheidungen guten Gewissens treffen zu können.
Es wurde, so bitter das für einen Teil der Bevölkerung gewesen ist, nach dem Prinzip verfahren: Das Perfekte ist der Feind des Guten. Man stand vor der Wahl, entweder in der zur Verfügung stehenden Zeit 80% des Regelungsvolumens zu erledigen und die sich daraus ergebenden Widersprüchlichkeiten in Kauf zu nehmen, oder gar keine Regelungen zu treffen, es also bei Appellen an die Bevölkerung zu belassen und darauf zu hoffen, dass sich schon alles zum Guten wenden werde.

Dass man sich in Deutschland für Ersteres entschied, mag man falsch finden, oder auch ernüchternd. Ein Skandal ist es jedenfalls nicht.


Lessons learned

Der berechtigte Teil der Kritik

Im Großen und Ganzen war das deutsche Pandemie-Management besser als es die mediale Berichterstattung suggerierte. Ich bin überzeugt, dass der Großteil der handelnden Personen aus der Politik nach bestem Gewissen und Gewissen gehandelt hat. Ausnahmen bestätigen die Regel (Stichwort: Maskendeals).

Aus diesem Grund sind auch die Skandalisierungsversuche, die von interessierter Seite bis heute on- und offline unternommen werden, überzogen. Es braucht weder Untersuchungsausschüsse noch parlamentarische Aufarbeitungen in 16facher Ausführung; und schon gar nicht das vom harten Kern der Schrägdenkerszene bisweilen geforderte zweite Nürnberger Tribunal.

Die Lehren, die man aus der Corona-Zeit für eine hypothetische nächste Pandemie ziehen kann, sind begrenzt. Jede Pandemie ist anders: die R-Werte, die Pathogenität, die Übertragungswege, die Inkubationszeit.

Wenn es überhaupt über den konkreten Fall hinaus wirkende lessons learned gibt, dann vielleicht diese drei:

  • Falls wir es in einer künftigen Pandemie erneut für notwendig erachten, Maßnahmen zur Kontaktreduzierung zu ergreifen, dann sollte die Lastenverteilung tendenziell zugunsten der jüngeren Generation ausfallen. Soziale Isolation über einen längeren Zeitraum hinweg fügt der psychosozialen Entwicklung von Heranwachsenden großen Schaden zu. Entsprechende Warnungen aus den Sozialwissenschaften wurden zwar gehört, aber insgesamt möglicherweise nicht stark genug gewichtet. Konkret bedeutet das: hat man die Wahl zwischen ausgedehnten Schulschließungen und Einschränkungen in der Arbeitswelt, dann sollte man sich tendenziell für letzteres entscheiden.
  • Eines der traurigsten Kapitel der Corona-Pandemie war die monatelange Isolierung der Bewohner von Alten- und Pflegeheimen. Diese Einrichtungen ähnelten zeitweise dem Hochsicherheitstrakt in einem Gefängnis, mit Insassen, die faktisch entmündigt waren. Unseren ältesten Mitmenschen in ihrer letzten Lebensphase den persönlichen Kontakt zum engsten Familienkreis zu verwehren ist aus meiner Sicht unmenschlich. Man muss dieser Personengruppe unbedingt mehr Autonomie und Entscheidungsfreiheit zugestehen. Das Restrisiko einer Ansteckung – mit allen potenziellen Folgen – ist meines Erachtens in Kauf zu nehmen, sofern sichergestellt ist, dass der Pflegeheimbewohner seine Entscheidung in freier Selbstbestimmung trifft.
  • Eine Politisierung der Corona-Maßnahmen ist unbedingt zu vermeiden. Die teils umstrittenen Entscheidungen der Ministerpräsidenten-Konferenz führten zu viel Unmut und Politikverdrossenheit. Die öffentlich demonstrierte Uneinigkeit und das frustrierende Dominanzgehabe einzelner Landesfürsten schadeten der Effizienz des Pandemie-Managements und wurden zu den stärksten Triebfedern für die Unzufriedenheit mit den Corona-Maßnahmen; für Rechtsextreme, Staatsverächter und sonstige Bewirtschafter politischer Instabilität war es ein Leichtes, Profit aus dieser Gemengelage zu ziehen.
    Im Falle einer zukünftigen Pandemie lautet die dringende Empfehlung, statt der MP-Konferenz einen mit Experten besetzten Krisenstab einzurichten (etwa nach dem Vorbild der 2015 aufgelösten Schutzkommission des Bundesinnenministeriums), welcher der Regierung konsensual verabschiedete Maßnahmen vorschlägt. Die Regierung exekutiert diese Maßnahmen lediglich und lässt somit größtmöglichen Raum für eine rationale Pandemiebekämpfung ohne politische Hahnenkämpfe.

Schlussbemerkung:

Meiner Erfahrung nach sind die meisten Menschen nicht besonders gut darin, sich nach einer überstandenen Krise gedanklich in den Zustand davor zurückzuversetzen. Diese Schwäche führt dazu, dass es in allen politischen Fragen eine große Zahl ausgewiesener a-posteriori-Experten gibt, die – ausgehend vom aktuellen Wissensstand – den Entscheidern der Vergangenheit Fehlleistungen vorwerfen, und die fest davon überzeugt sind, dass sie das Rätsel vom Ei des Kolumbus gewiss viel früher gelöst hätten, wenn man sie damals nur gefragt hätte.

Es muss immer wieder betont werden: ob eine Handlung richtig oder falsch, klug oder unklug, zu loben oder zu tadeln ist, kann und muss ausschließlich auf der Basis der zum Zeitpunkt der Entscheidung bekannten Faktenlage (bei wissenschaftlichen Fragestellungen auch Stand der Forschung genannt) beurteilt werden. Stellt sich im Einzelfall heraus, dass eine frühere Entscheidung im Lichte neuen Wissens anders hätte getroffen werden sollen, dann spricht das NICHT gegen diejenigen, die diese (inzwischen als suboptimal erkannte) Entscheidung getroffen haben, sondern FÜR diejenigen, die in der Zwischenzeit zur Mehrung des Wissens beigetragen haben.