TT goes USA – Aufschlag am Ol‘ Man River

TT goes USA – Aufschlag am Ol‘ Man River

Ausgestattet mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) flog ich im August 1995 nach St. Louis im Bundesstaat Missouri, um an der dortigen Washington University (kurz: WashU) ein Auslandsjahr am Department of Biology zu absolvieren, inklusive Laboraufenthalt an der benachbarten School of Medicine.

St. Louis ist eine Stadt mit einer großen Geschichte: Aufgrund ihrer besonderen geografischen Lage direkt am Zusammenfluss von Missouri und Mississippi galt sie seit dem 18. Jahrhundert als Gate to the West, als letzter Außenposten der Zivilisation. Einige Jahre nach dem Louisiana Purchase von 1803 startete von hier aus die legendäre Expedition von Lewis und Clark, und während der westward expansion, also der Erschließung der riesigen Naturräume bis zu den Rocky Mountains und darüber hinaus durch europäische und amerikanische Siedler, entwickelte sich St. Louis zum wichtigsten Logistik- und Handelszentrum im mittleren Westen der USA.

Skyline von St. Louis, mit dem 192m hohen Gateway Arch, der symbolisch für die Rolle der Stadt als Tor zum Westen steht (Bildrechte: Mobilus in Mobili, lizensiert unter CC BY-SA 2.0)

Ein ganzes Jahr lang sollte also St. Louis meine Heimat sein.

Die ersten Wochen nach meiner Ankunft waren aufregend und anstrengend zugleich. Es gab viel zu organisieren: erste Termine im International Office der Uni, bei denen man mit Informationsmaterial ausgestattet wurde und andere International Students kennenlernte; innerhalb weniger Tage musste eine Student ID Card beantragt, ein Girokonto angelegt, ein Fahrrad gekauft, und eine geeignete Wohnung gefunden und mit dem Nötigsten ausgestattet werden. Gleichzeitig musste ich mich in Kurse einschreiben und mich bei verschiedenen Laboren an der School of Medicine bewerben, um dort mein Internship, also ein Forschungspraktikum, zu absolvieren.

Körperlich belastend war das subtropische Klima in der Stadt. Der Sommer in Missouri ist extrem: jeden Tag schwül-heiße 35°C, mit einer Luftfeuchtigkeit, bei der man das Gefühl hat, man laufe gegen eine Wand. Der Aufenthalt außerhalb von klimatisierten Bereichen war in diesen ersten Wochen für einen Mitteleuropäer wie mich schier unerträglich.

Doch irgendwann waren die wichtigsten Dinge erledigt, die Wohnung war bezogen (ich lebte in einer 2er-WG mit Charly, einem taiwanesischen Engineering-Studenten, über den sich eigene Geschichten erzählen ließen…), das Studium nahm seinen Lauf, und der Herbst kam.

Daheim in Deutschland begann die Tischtennis-Saison 1995/96. Irgendwann im November erhielt ich einen Brief aus Deutschland. Lothar, ein Spieler meines Heimatvereins, schickte mir die besten Wünsche und hatte seinem Schreiben die aktuelle Tabelle beigelegt. In der Vorsaison waren wir erstmals in der Vereinsgeschichte in die Bezirksliga aufgestiegen, und jetzt, in meiner Abwesenheit, hatte meine Mannschaft jedes Spiel verloren. Letzter Platz nach der Vorrunde – der direkte Wiederabstieg würde wohl unvermeidlich sein. 

Motiviert durch diesen Brief nahm ich mein Herz in die Hand und begann, nach Möglichkeiten zu suchen, in St. Louis Tischtennis zu spielen. Meinen Schläger hatte ich im Koffer mitgenommen – jetzt musste nur noch ein passender Verein gefunden werden.

Nun muss man wissen, dass Tischtennis in den USA ein Schattendasein führt. Es war nicht einfach, überhaupt einen Tischtennisverein in der Metropolitan Area St. Louis mit ca. 300.000 Einwohnern zu finden. Doch irgendwann stieß ich mit Hilfe einer Suchmaschine (in der Prä-Google-Ära muss es wohl AltaVista oder Yahoo! gewesen sein) auf einen Eintrag samt Telefonnummer. Ich rief an, und bereits eine Woche später betrat ich das erste Mal die Sporthalle des St. Louis Table Tennis Club in Creve Coeur, einige Meilen westlich der City Limits von St. Louis.
Bei dem Gebäude handelte sich um einen für die Gegend typischen Flachbau aus rotem Backstein. Über die rückwärtige Kellertreppe gelangte man in einen Flur, und von dort weiter in eine spartanische, abgenutzt wirkende geflieste Umkleidekabine mit dem morbiden Charme einer Militärkaserne. Die Halle selbst war etwas größer als eine typische Schulturnhalle. Infolge fehlender Dämpfungselemente an den kahlen Wänden war sie leider recht hellhörig. Hier hielt der Verein zweimal in der Woche sein Tischtennis-Training ab. Und mittendrin ich, der 23jährige Graduate Student aus Deutschland.

Der Club zählte vielleicht 20 Mitglieder. Ein regulärer Ligabetrieb oder sonstige Wettkämpfe fanden aus Mangel an gegnerischen Vereinen in erreichbarer Umgebung nicht statt. Wie ich mir sagen ließ, gab es wohl alle paar Monate überregionale Einladungsturniere irgendwo in Missouri oder den angrenzenden Bundesstaaten, für die man sich hätte anmelden können. Das war aber wenig praktikabel, denn man hätte entweder mit dem Flugzeug oder mehrere Stunden mit dem Auto anreisen müssen.

Der vielleicht beste Spieler des Vereins war ein etwa 40jähriger Russe; ich schätze ihn auf 1.650 – 1.700 Punkte im deutschen TTR-System. Die meisten anderen spielten auf mittlerem bis unterem Bezirksklassen-Niveau. Ich konnte leistungsmäßig gut mithalten. Auch mehrere Hobbyspieler kamen zum Training, darunter eine ungefähr 70jährige Deutsche, die – obwohl sie schon vor Jahrzehnten eingewandert war – immer noch einen starken Akzent hatte; sie lebte in der Nähe von University City, und sie bot mir an, mich ab und zu zum Training mitzunehmen. Das kam mir sehr gelegen, denn ich selbst hatte ja kein Auto, und die Sporthalle war mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht gut zu erreichen.

Rasch freundete ich mich mit Chance an, einem etwa 25jährigen extrovertierten, leicht hyperaktiven Schwarzen mit sonnigem Gemüt, der die Trainingszeiten koordinierte und die Rolle des Abteilungsleiters bekleidete. Er nahm mich, den jungen Gaststudenten aus Deutschland, ein wenig unter seine Fittiche. Ich denke, er fand es ebenso spannend wie ich, sich mit einem Exoten aus Übersee zu unterhalten.
Chance wusste nicht viel über die politischen Verhältnisse in Europa; er hatte die USA in seinem Leben noch nie verlassen. Mit Deutschland assoziierte er im Wesentlichen: Boris Becker, Claudia Schiffer, Adolf Hitler und die Scorpions. Am beeindruckendsten fand er, dass in jedem Land Europas eine andere Sprache gesprochen wird. Diese Tatsache brachte ihn an die Grenze seines Vorstellungsvermögens.

Ich verdanke meiner Freundschaft mit Chance einige interessante Einblicke in das echte Amerika, abseits der akademischen WashU-Bubble. Nach dem Training trafen wir uns manchmal noch zu viert oder fünft in einer Sportbar zu einem Absacker – ganz klassisch bei Country Music, mit einer Flasche Sam Adams Boston Lager in der Hand, umgeben von riesigen TV-Screens, auf denen wahlweise Football, Baseball oder Eishockey lief.

An zwei oder drei Wochenenden holten mich Chance und ein weiterer Spieler mit dem Auto ab, und zu dritt fuhren wir auf der I-64 über den Mississippi nach East St. Louis, um ins dortige Nachtleben einzutauchen. Nicht alle Erlebnisse aus dieser Zeit sind geeignet, hier besprochen zu werden.

Chance wohnte damals in einer ärmlichen Gegend von St. Louis, in einem abgewohnten Häuschen bei einer mindestens 50jährigen Frau, die seine Mutter hätte sein können. Zu meiner Überraschung stellte er sie mir als seine girlfriend vor. Das Verhältnis der beiden war unkonventionell – offenbar ein Deal zu beiderseitigem Vorteil. Chance erklärte es mir in der ihm eigenen Offenheit. Um seine Worte zu paraphrasieren: Die Frau und er pflegten eine friendship with benefits. Chance durfte kostenlos bei ihr wohnen, und auch sie profitierte von der Gesellschaft des jungen Mannes.

Chance’s großer Traum war es, einmal Partner in einer großen Anwaltskanzlei zu werden – ein sehr ambitioniertes Unterfangen, das ich angesichts seiner prekären Lebensumstände für einigermaßen illusorisch hielt. Aus heutiger Perspektive muss man sagen, dass er es mit Optimismus und Tatkraft recht weit gebracht hat. Zwar ist er nicht millionenschwerer Partner geworden, aber dem Internet ist zu entnehmen, dass er es immerhin bis in die Revisionsabteilung des St. Louis City Council geschafft hat. Besonders freut mich, dass er offenbar unserem Sport treu geblieben ist: Chance wurde Headcoach des Tischtennis-Teams einer privaten Hochschule in St. Charles, Missouri.

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