Divide et impera

Divide et impera

STUFEN
(Hermann Hesse – 1941)

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!


 

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Mit dieser Zeile im Gepäck betraten die neu gewählten Gemeinderäte den Rathaussaal zur konstituierenden Sitzung. Ein junger Bürgermeister, neue Köpfe, neuer Schwung: Dieser Dreiklang war verlockend genug, um sich in eine Aufbruchstimmung zu versetzen. Dunkle Vorahnungen wurden hintangestellt, man verordnete sich selbst Optimismus. Taten sich nicht zweifellos neue Möglichkeitsräume auf? Ein sich gegenseitig befruchtendes Miteinander von CSU und den anderen Fraktionen schien sich angesichts der knappen Mehrheitsverhältnisse geradezu aufzudrängen.

 

Vertane Chance

Leider war der Zauber schnell verflogen und man landete unsanft auf dem Boden der Realität. Für die dominierende Fraktion war es eine Selbstverständlichkeit, dass sie nicht nur den ersten und den zweiten Bürgermeister stellen würde, sondern dass auch die dritte Bürgermeisterin aus den eigenen Reihen kommen müsse. Ein Arsenal vermeintlich guter Gründe wurde ins Feld geführt. Und außerdem: diese Sachzwänge, das müsse man verstehen. Nun denn – kann man so machen. Wer ko, der ko, wie der Volksmund in Bayern sagt. Die Mehrheiten geben’s noch her, wenn auch denkbar knapp.

Und so gab bereits die erste Sitzung der neuen Legislatur Ton und Richtung vor. Die Hoffnung, dass den netten Worten des neuen Bürgermeisters über den Geist der fairen Mitbestimmung und der Vielfalt sogleich Taten folgen würden, wurde – jedenfalls bis auf Weiteres – enttäuscht. Sie entpuppte sich als Naivität im Angesicht der Parteiräson.

 

Ein wenig überrascht es doch, dass sich bei keinem einzigen der CSU-Vertreter ein Störgefühl einstellen wollte. Gilt das Prinzip the winner takes it all tatsächlich auch bei einem Wahlergebnis von 47,7%? Man könnte sagen, die stärkste Minderheit im Raum nimmt sich das Recht, das ihr satzungsgemäß zusteht. Doch politisch kluges Handeln ist mehr als Arithmetik. Schon Aristoteles erkannte in seiner Schrift Politiká die Bedeutung von Mäßigung und Kompromiss, um langfristig Stabilität zu sichern.

 

Vom lyrischen Zauber des Anfangs bleibt dieser fromme Wunsch: Möge bei den Beteiligten die Erkenntnis reifen, dass anstelle der alten Formel divide et impera: teile und herrsche – eine zeitgemäße und Gemeinwohl-orientierte Variante ins Rathaus Einzug halten sollte: communica et impera, im Sinne eines teile deine Macht auf und herrsche.

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